Milan Tjioe (Dermatologe) über Innovation, Widerstandsfähigkeit und die Zukunft des Gesundheitswesens

Milan Tjioe (Dermatologe) über Innovation, Widerstandsfähigkeit und die Zukunft des Gesundheitswesens

Dermatologe am Bravis-Krankenhaus, Mitbegründer von Webcamconsult, Doctor2go und Derm2check

Milan Tjioe ist Dermatologe am Bravis-Krankenhaus und einer der Pioniere im Bereich der digitalen Gesundheitsversorgung in den Niederlanden. Bereits Ende der 1990er Jahre experimentierte er mit Taschencomputern und digitalen Nachschlagewerken für Ärzte. Mittlerweile steht er an der Wiege von Webcamconsult, Doctor2go und Derm2check – Tools, die die Barriere zwischen Patient und Facharzt senken. In diesem Interview spricht er über seinen Werdegang, die Hindernisse, auf die er stieß, und seine Vision für die Zukunft der KI im Gesundheitswesen.

Von der unleserlichen Handschrift zur digitalen Gesundheitsversorgung

Milan kam eigentlich ganz konkret auf die digitale Gesundheitsversorgung: Ärzte mit unleserlicher Handschrift: „Es begann damit, dass ich der Meinung war, dass Dinge digitalisiert werden müssten. Das war schon lange vor der Pandemie, in der die digitale Gesundheitsversorgung plötzlich einen Aufschwung erlebte. Ich war schon immer von Computern fasziniert und von der Vorstellung, dass man mit Taschencomputern viel mehr machen konnte. Das hatte bereits 1998, 1999 begonnen.“

In diesen Anfangsjahren waren die Möglichkeiten begrenzt, aber der Ehrgeiz war groß. Milan und ein Kollege begannen, den Einsatz von PDAs unter Ärzten aktiv zu fördern – nicht als Spielerei, sondern als praktisches Hilfsmittel. „Man konnte einfach sehr viele Nachschlageinformationen mitnehmen. Wenn man etwas nachschlagen wollte, konnte man das einfach vor Ort tun, anstatt nach einem Buch zu suchen. Wir haben uns jahrelang damit beschäftigt, das zu fördern.“

Ein konkretes Ergebnis war die digitale Bereitstellung des „Farmacotherapeutisch Kompas“, eines Standardnachschlagewerks für Medikamente, das bis dahin nur als CD-ROM und als Buch erhältlich war. „Wir dachten: Das muss doch auch auf dem Handy möglich sein? Schließlich haben wir den Verlag angesprochen und gesagt: Seht mal, so geht’s auch. Und jetzt ist es einfach auf jedem Handy verfügbar. Wir waren die treibende Kraft dahinter.“

Die Entstehung von Webcamconsult

Als Milan in Bergen op Zoom zu arbeiten begann, belegte die Dermatologieabteilung des Lievensberg-Krankenhauses in den nationalen Rankings durchweg Spitzenplätze. Das zog Patienten von weit her an, bedeutete aber auch unnötige Anfahrtswege für einfache Gespräche über Befunde: „Wir fanden es ein bisschen schade, wenn Patienten von so weit her extra zu uns kommen mussten, nur um ein Befundgespräch oder eine Behandlungsempfehlung zu erhalten. Telefonisch ging das zwar, aber da fehlt doch etwas. Es ist weniger persönlich. Wir wollten uns auch ein besseres Bild davon machen, wie es dem Patienten selbst ging.“

Die damals verfügbaren Tools waren jedoch ungeeignet: Konferenzsoftware mit gemeinsamen Zugangscodes, bei der der Datenschutz kaum gewährleistet war.

„Stell dir vor: Du hast zwei oder drei Patienten nacheinander, und sie alle erhalten denselben Code. Dann könnten sie im Prinzip gleichzeitig in deinem digitalen Sprechzimmer sitzen. Das funktioniert also wirklich nicht. Die Lösung: ein System mit einem einzigartigen, einmaligen Link pro Konsultation, ohne dass Patienten oder Ärzte zusätzliche Software installieren müssen. Das war die Idee: ein Link, klicken, fertig. Und diesen Link kann man danach nicht mehr verwenden. Einfach und sicher.“

Die Niederlande hinken hinterher, und das hat einen Grund

Auf die Frage, wie die Niederlande im Bereich der Gesundheitsinnovation abschneiden, antwortet Milan klar: 

„Die Niederlande hinken sehr weit hinterher, aus dem einfachen Grund, dass damals, um 2014, Misstrauen gegenüber der landesweiten elektronischen Patientenakte herrschte, die anschließend vom Senat abgelehnt wurde. Das hat die digitale Innovation gebremst. Die Folge: Jedes Krankenhaus und jeder Hausarzt arbeitet mit seinem eigenen System, und diese Systeme kommunizieren nicht miteinander.

Patienten glauben, dass der Arzt alles weiß, wenn sie zu ihm kommen. Aber wir wissen nichts, außer dem, was in unserem eigenen System steht. Der Rest ist abgeschirmt. Und das verteuert die Gesundheitsversorgung, denn wir entnehmen dann erneut Blut, obwohl dies bereits letzte Woche an anderer Stelle geschehen ist. Länder wie die baltischen Staaten und sogar die Region Venetien in Italien haben dieses Problem bereits vor Jahren gelöst. Bereits 2008 oder 2009 verfügten sie über eine landesweite bzw. regionale elektronische Patientenakte, in der alle Patienteninformationen jederzeit einsehbar und gut gesichert waren. Selbst in Italien konnte man in jeder beliebigen Apotheke der Region seine Medikamente abholen, und diese waren für alle Beteiligten einsehbar. Und das können wir in den Niederlanden immer noch nicht.“

Die häufig vorgebrachten Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes sind laut Milan stark übertrieben. „Den Menschen wurde enorme Angst eingejagt. Es gab keine Fälle in den Nachrichten, in denen bewusst Missbrauch betrieben wurde. Natürlich gibt es Datenlecks, aber die gibt es ohnehin. Es gibt Möglichkeiten, die Daten gut zu schützen. Es handelt sich eher um ein Gefühl, das ausgenutzt wird, als um ein reales Risiko.“

Digitalisierung: Nach Corona ein Rückschritt

Während der Pandemie hat die Nutzung digitaler Gesundheitsdienste enorm zugenommen, doch das erwies sich als vorübergehend. „Nachdem Corona vorbei war, kehrten die Menschen doch wieder zu alten Gewohnheiten zurück. Und dann gibt es noch die Diskussion, die kürzlich in den Nachrichten war: Hausärzte werden durch negative finanzielle Anreize dazu gezwungen, digitale Versorgungstools zu nutzen. Wenn man ein bestimmtes Triage-Programm nicht nutzt, erhält man einen Abzug von Tausenden von Euro. Das ist wirklich wahr.

Die Folge ist, dass gefährdete Gruppen Gefahr laufen, ins Abseits zu geraten. Zwang funktioniert nicht. Man überlässt es einfach den Ärzten und Patienten und wünscht ihnen viel Glück dabei. Dabei müsste man die Menschen eigentlich an die Hand nehmen. Wir haben im Krankenhaus einen „Digituin“ mit Freiwilligen, die Patienten begleiten: Wie melde ich mich mit DigiD an, wie mache ich dies, wie mache ich das? Damit sie es schließlich selbst schaffen. Das ist sehr wichtig.“

Das größte Missverständnis über KI im Gesundheitswesen

KI ist derzeit das Schlagwort in der Gesundheitswelt. „Das größte Missverständnis über KI ist, dass sie intelligent ist. Das ist sie absolut nicht. Derzeit steckt wenig Intelligenz dahinter. Es ist Wahrscheinlichkeitsrechnung: Welches Wort folgt auf welches Wort? Das führt zu einem konkreten Risiko: Halluzinationen. Systeme erfinden Dinge, weil sie auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeiten den wahrscheinlichsten Folgesatz generieren, auch wenn dieser faktisch falsch ist.

Ich habe bei einer Fortbildung für Dermatologen ein Beispiel gesehen. In der Akte stand: Der Patient hatte 1995 eine Depression. Was sagt die Zusammenfassung? Der Patient ist niedergeschlagen und hat Suizidgedanken. Das System versteht nicht, dass das Vergangenheit war. Der Patient war vor zwanzig Jahren depressiv. Jetzt nicht mehr. Aber das System macht daraus ein aktuelles Problem.“

Derm2check: KI, die funktioniert – sofern gezielt eingesetzt

Milan glaubt zwar an KI, aber nur als klar abgegrenztes Hilfsmittel. Genau das ist die Philosophie hinter Derm2check. „Das Problem ist, dass die Leute KI für alles Mögliche einsetzen. Man muss KI ganz gezielt für einen bestimmten Zweck einsetzen, trainiert mit Daten, die speziell zu diesem Zweck gehören. Dann kann sie wirklich Vorteile bieten.“

Derm2check baut auf einem Entscheidungsbaum auf, der bereits seit zwanzig Jahren in der dermatologischen Ambulanz verwendet wird. Ärzte geben Symptome, Fotos, Alter und Geschlecht ein und erhalten im Gegenzug eine Liste mit möglichen Diagnosen, Links zu Fachliteratur und Behandlungsansätzen.

„Wichtig: Das System stellt keine Diagnose. Es gibt Empfehlungen. Wir haben zehn verschiedene KI-Systeme getestet, um herauszufinden, welches am zuverlässigsten ist – trainiert auf unseren eigenen Daten. Es werden fünf Vorschläge mit möglichen Diagnosen und Referenzen ausgegeben, sodass der Arzt selbst vergleichen und sagen kann: Das finde ich am passendsten.“

Die Dringlichkeit ist groß: Derzeit gibt es etwa dreißig bis vierzig offene Stellen für Dermatologen, die nicht besetzt werden können. „Wenn Hausärzte einen Teil der dermatologischen Behandlungen selbst durchführen können, ohne an einen Facharzt zu überweisen, werden Patienten schneller versorgt; dabei lernt auch der Hausarzt dazu, und wir als Dermatologen werden weniger mit Patienten belastet, die der Hausarzt eigentlich selbst behandeln könnte.“ 

Der Arzt bleibt unverzichtbar, muss sich aber weiterbilden

Auf die Zukunft angesprochen, ist Milan vorsichtig optimistisch, steht aber der Art und Weise, wie KI derzeit eingesetzt wird, kritisch gegenüber. „KI Entscheidungen treffen zu lassen, funktioniert einfach noch nicht richtig. Es ist unglaublich, dass Unternehmen Mitarbeiter durch KI ersetzen. In sehr vielen Fällen geht das immer noch schief. Der Arzt bleibt unverzichtbar.“

Gleichzeitig sieht er einen klaren Mehrwert, wenn KI als Sparringspartner eingesetzt wird.

„Diese Kombination – Mensch und KI als mitdenkender Ratgeber – wirkt synergetisch. Die KI sagt: Diese Stelle ist verdächtig, dieses Medikament könnte auf der Grundlage dieser Daten besser anschlagen. Und dann prüft man als Arzt: Trifft das auf meinen Patienten wirklich zu?“

„Ärzte müssen besser darin geschult werden, was KI ist, was sie kann und was sie nicht kann. Wo liegen die Grenzen? Wenn man das weiß, kann man sie sinnvoll einsetzen.“